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KIRCHE PROSIGK

NEUGESTALTUNG & NUTZUNGSERWEITERUNG

2014-2017

Kurzcharakteristik
+ romanischer Chorturm 12.Jh. (Westturm eines romanischen Vorgängerbaus)
+ rundbogige Öffnung zum romanischen Schiff noch heute in der Ostwand erkennbar
+ spätgotischer Bruchsteinsaal 15. / 16.Jh. mit steilem Satteldach, innen flach gedeckt
+ spitzbogiger Triumphbogen an Stelle des romanischen Westeinganges
+ seitliche Bruchsteinwände mit je zwei großen, 1814 nach unten erweiterten Spitzbogenfenstern
+ 1824 Erneurung des Westgiebels
+ 1872 – 1875 Aufstockung des Turms um ein oktogonales Glockengeschoss mit steilem Spitzdach
+ Anbau Eingangshalle im Westen sowie Sakristei an der Nordseite des Chores
+ Neugotische Blendgliederung Westgiebel
+ schlichte neugotische Ausstattung mit 3 – seitig umlaufender Empore


Die Kirche Prosigk ist Teil der Idee eines Kirchenerlebnis – und Themenverbundes im anhaltinischen Raum zu der bereits 7 – 8 Kirchen zu zählen sind, die sich zukunftsfähig gestalten mit Engagement und mit interessanten Raumkonzepten und mit unterschiedlichen Kunsterlebnissen aufwarten.
 Sie revitalisieren sich einmal mehr zu  Orten der Begegnung und des Gemeindelebens für die Gemeindeglieder, das gesamte Dorf und den interessierten Besucher im Herzen der Dörfer mit ihren individuellen Eigenheiten und Schönheiten. Sie werden so wieder zu Orten der Identifikation; Heimatverbundenheit, Ortsgeschichte, und gelebter Ort von Gemeinschaft, Kunst und Kultur.
Nötig dazu ist z. B. die Entwicklung neuer Raumkonzepte mit ganzheitlichem Denkansatz die in architektonisch zufriedenstellender Weise die Wirkung der Räume erhalten und entwickeln und für ihre neuen Nutzungen einstellen, so z. B. auch für den Einbau verschiedener zeitgemäßer Funktionseinheiten die eine breite Nutzungsvielfalt nicht nur ermöglichen sondern auch zu einem positiven Erlebnis werden lassen.

Voraussetzungen und Ausgangsituation
Prosigk ist ein Ortsteil der Stadt Südliches Anhalt des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, mit 724 Einwohnern. 220 Gemeindeglieder hat die Evangelischen Kirchengemeinde Prosigk, mit ihren kleinen dazugehörigen Ortschaften: Pösigk, Cosa, Repau. Ziebigk, Libehna, Locherau und Fernsdorf. 
Zuständig ist für die Kirchengemeinde das Pfarramt Weißandt-Gölzau. Das Pfarramt Prosigk bestand bis zum Jahr 2005.
Im 12. Jahrhundert erbauten die Prosigker ihre erste Kirche. Immer wieder gab es Umbauten und Erneuerungen. Die letzte große Umbaumaßnahme fand in den Jahren 1872-75 statt. Hierbei wurde der Turm aufgestockt. Im Turm hängen zwei wertvolle Glocken. Die kleine Glocke wurde im letzten Jahr mit Spendenmitteln restauriert (1586 in Erfurt gegossen) und die große Glocke (frühes 13. Jahrhundert) muss noch repariert werden. Durch die Sanierung der kleinen Glocke ist ein regelmäßiges Geläut wieder möglich geworden.
Die Kirche Prosigk steht nahe der Bundesstraße B 187 mit direkter Anbindung zur B 6 neu, umgeben von hohen Bäumen und einem kleinen Park (alter Friedhof mit alten Grabsteinen), in dem sich auch die Gedenkstätte von Johann Friedrich Naumann befindet.  
Durch den Wegfall des Pfarramtes Prosigk fiel auch die Nutzung des Pfarrhauses weg. Die Kirchengemeinde hat sich zur Veräußerung des alten Gebäudes entschlossen. Im Moment treffen sich hier die einzelnen Gemeindegruppen noch. 
Die Kirche beherbergt eine Orgel des Orgelbaumeisters Pfannenberg aus Köthen (1885) die bedingt spielbar ist, aber von Organisten in den Gottesdiensten und zu anderen Veranstaltungen gespielt wird. 
Gemeinsam mit dem Heimatverein Prosigk veranstaltet die Kirchengemeinde jedes Jahr ein Martinsfest und den Adventsmarkt Prosigk. Hierbei spielt der Posaunenchor Radegast regelmäßig auf.

14-tägig trifft sich in der Kirchengemeinde eine Kindergruppe mit 10-12 Kindern, die von Ehrenamtlichen gestaltet wird. 
Punktuell findet sich auch ein Seniorenkreis zusammen. Der Gemeindekirchenrat hält regelmäßig seine Sitzungen ab.
Die Resonanz auf die Angebote ist  immer groß. Diese Angebote sollen auch weiterhin fortsetzt werden. Für die Arbeit benötigt die Kirchengemeinde allerdings funktioneller nutzbare Räumlichkeiten, die derzeit nicht vorhanden sind.
So entstand der Plan für den Einbau einer  beheizbaren Winterkirche – als multifunktionaler Raum - mit dem Einbau einer kleinen Küche und Toilette.


Projektbeschreibung
Winterkirche im Chorturm
+ mit flexibler Bestuhlung und Ambo
+ thermische Glasabtrennung zum Kirchenschiff
+ Altar; Taufe und Kanzel im Kirchenschiff 
+ Ergänzung eines Anbaus für Sanitärbereiche
+ Umnutzung Sakristei zur Teeküche
+ Abtrennungen unter den Emporentreppen für Abstellmöglichkeiten Prinzipalien und neuer Chor
+ Wiedereinbau und Ergänzung der Originale der historischen Kanzel (Renaissance) und Taufstein (Spätgotik) aus dem Lager des Museums Köthen
+ neuer Abendmahltisch (Material Stein + Metall)
+ neue individuelle zum Kirchenschiff konkav / konvex gewölbte Chorwand aus Cortenstahl in abgestimmter Gesamtkomposition, Farbigkeit Innenraum und Fenster
+ Einkürzen der Kirchenbänke


Umbau, Umnutzung und Nutzungserweiterung sind für das Kirchenprojekt Prosigk nicht nur Schlagworte in der Diskussion um die gefährdete Zukunft von Kirchengebäuden in einer angeblich zunehmend säkularisierten Gesellschaft, sondern gelebte Realität.
Die Zusammenführung von mehreren Funktionen in dem historischen Kirchengebäude schafft hier Freiräume im Betrieb und Unterhaltung der vorhandenen Immobilien. Das teilweise leerstehende Pfarrhaus wird frei und die kostenintensive Unterhaltung entfällt. Es entstand dabei der Entwurf, den jetzigen Altarraum zu einer beheizbaren Winterkirche, die multifunktional genutzt werden soll, umzubauen. Dabei soll sich dieser Raum im Zuge einer gesamten räumliche Neuordnung des Kirchenschiffes durch einen neugestalteten Chorbereich integrieren, der durch Architektur und  Materialität Einblicke verhindert aber durch Perforation Durchblicke und ein interessantes Lichtspiel ermöglicht und so neugierig macht auf das jeweilige „dahinter“ der konkav / konvexen Anlage der neuen Chorwand.  Die jetzige Sakristei wird zur Teeküche umgebaut und ein ergänzender Anbau auf der gegenüberliegenden Seite wird Sanitärbereiche beherbergen. 

Der Altar / Abendmahltisch rückt in einer Neugestaltung ins Innere der Kirche. Die historische Steinkanzel wird im Rahmen des bereits z. Zt. in Realisierung befindlichen 1. BA restauriert, ergänzt und wieder in die Kirche zurückgebracht. Viele Jahrzehnte war sie im Museum Köthen eingelagert und findet bald wieder am alten Ort und neuen Platz ihren Platz in der Kirche. Ebenso wurde mit dem alten Taufstein verfahren, der nach Errichtung der neuen Chorwand wieder in die Kirche an exponierter Stelle zurückkehrt.

Im Zuge der räumlichen Neuordnung und der angestrebten multifunktionalen Nutzung sind in der Perspektive auch Änderungen an den Kirchenbänken vorgesehen. So entsteht eine Möblierung, die eine vielseitige Nutzung des Kirchenschiffes ermöglicht. 
In einem späteren Revitalisierungsabschnitt soll die weitergehende Idee der Öffnung des ehemaligen rundbogigen Westeingangs zum historischen Kirchenschiff als funktionale wie optische Verbindung der nunmehr neuen Winterkirche im Chorturm zum heutigen Gartenbereich untersucht und umgesetzt werden. Im Zuge dieser weiterführenden Ideen ist die farbliche Neugestaltung des Kirchenschiffes von besonderer Bedeutung und sollte einhergehen mit eine gesamtkonzeptionell abgestimmte Untersuchung der Neugestaltung der Fenster. 
Das nordöstliche Kirchenschifffenster, welches sich in seiner Gestaltung positiv abhebt, sollte dabei erhalten werden und könnte mit einer Illumination (Hinterleuchtung) einen neuen Platz in der Winterkirche finden.  
Nutzungsmöglichkeiten
Die Winterkirche soll so vermehrt zu einem  Ort der Begegnung entwickelt werden. Alle Altersgruppen sind dabei angesprochen und sollen miteinander vernetzt werden. Gottesdienste finden weiterhin regelmäßig statt. Die schon vorhandene Kindergruppe wird die Winterkirche regelmäßig für ihre Zusammenkünfte nutzen.
Gemeindenachmittage und –abende sind in der Planung, zu der die Einwohner des Ortes und der umliegenden Dörfer eingeladen werden. Kultur auf dem Lande ist uns ein wichtiger Aspekt. Der beheizbare Raum ermöglicht es dann auch zu Lesungen oder kleineren kulturellen Veranstaltungen einzuladen.
Am Ort sind mehrere Vereine ansässig. Für Versammlungen, Besprechungen und Meetings soll der Raum genutzt werden, da es im Ort dafür kaum Möglichkeiten gibt.
Kleine Ausstellungen sollen in der Kirche gezeigt werden. So könnte z.B. die Nähe zur Naumann-Gedenkstätte eine Kooperation mit dem Naumann-Museum nach sich ziehen und vogelkundliche Ausstellungen anbieten. 
Filmvorführungen sind geplant und wären ebenso möglich wie kleinere Feiern für Familien oder Interessengemeinschaften. Besuchern und Radwanderen steht die Kirche zur Erholung zur Verfügung. 
Die älteren Menschen am Ort können sich regelmäßig treffen und miteinander aktiv sein, z.B. Gesprächsveranstaltungen, Spielnachmittage, gemeinsames Singen usw. Dabei ist eine generationsübergreifende Arbeit ebenso möglich.
Nachhaltigkeit & Praxisorientierung
Die Nachhaltigkeit ist in erster Linie durch die ganzheitliche Anlage des Projektes und die wirtschaftliche Effizienz gegeben. Das Projekt der Kirche Prosigk integriert sich harmonisch und ergänzend die Angebotspallette des Ortes und der Region. 
Der 1. BA (Taufe + Kanzel) wurde 2015 begonnen und 2016 fertig gestellt. Der 2. BA (Neuordnung Raumkonzept „Neue Chorwand“) fand in 2017 / 2018 seine Umsetzung, wie auch der 3. BA (multifunktionale Winterkirche + Küche + Toilette). Jeder der Bauabschnitte bestand aus einer in sich abgerundeten und abgeschlossenen Maßnahme und fördert bzw. vollendet das Gesamtkonzept der Kirche Prosigk. Die klare Abgeschlossenheit in der Abschnittsbildung des Gesamtkonzeptes war und ist die Basis für eine solide und praktikable Umsetzbarkeit, zielführend, aber ohne unnötigen Zeitdruck. Das Projekt erfolgt dadurch in einem Zeitrahmen der grundlegend ist für ein solides und nachhaltiges Wachstum.